Zum Kirchenbau

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Der Kirchenerbauer hat das Wort:
Architektonische Gestaltungsprinzipien im katholischen Kirchenbau
von Dr. Justus Dahinden

dahinden.jpgDie profane moderne Baukunst löst sich zu gerne vom Zwange der Allgemeinverbindlichkeit und stößt zur Freiheit des Individuellen vor. Die sich bescheidende Anonymität früherer Stilepochen wird geopfert zugunsten einer starken menschlichen Bezogenheit. Der Problemkreis des Formalen tritt in den Vordergrund, losgelöst von Konstruktion und Funktion. Die Persönlichkeit des Künstlers versucht, sich mit seinem Werk zu identifizieren. Dadurch werden moderne Kunstwerke durch den Zeitgeist bedingt und das, was man gemeinhin den Geschmack nennt. Unter dieser Voraussetzung wird, wie in jedem Subjektivismus, auch das Werturteil labil. Für uns Kirchenbauer gilt es, dieser zeitlich bedingten Spontaneität das Ewiggültige und Gesetzmäßige des Liturgischen wahrheitsvoll entgegenzusetzen. Wir müssen versuchen, den katholischen Kirchenbau als solchen zur Darstellung zu bringen, als ein plastisches Großbild des Himmels. Unser Bestreben soll sein, das Überweltliche, Göttliche dessen, was im Innern des Gotteshauses geschieht, auf beredte Weise in seinem Äußern anzukündigen. Die Kirche ist mehr als bloß ein Gehäuse für die zum Opfermahl versammelte Gemeinde, sie ist das Haus des realpräsenten Logos.
Obwohl wir für den katholischen Kirchenbau seit jeher einen absoluten Auftrag besitzen fehlt unseren Werken oft der Zielpunkt, fehlt ein ernstes geistiges Fundament. Durchleuchten wir die heutige Situation kritisch, so können wir Kategorien von solchen Fehlentwicklungen auf drei Ursachen zurückführen:

a) Der Sakralbau manifestiert sich durch eine Ansammlung von stimmungsvollen Attributen, welche sich zu
Symbolen der modernen Kirchenbaukunst emporschwingen. Im übergroßen Aufwand an Details und in kunstgewerblicher Manieriertheit ertrinkt die echte Grösse der Kirchenarchitektur. Planen und Bauen zeugen von kleinlicher Geschäftigkeit und lassen die immanenten Absichten Gottes im wesentlichen außer Betracht.

b) Profan übliche Raumkompositionen werden in einer dünnen Sakralität abgewandelt. Man sieht die Zweckbestimmung des Sakralbaues vor allem in einem erhebenden Architekturerlebnis. Bei solchen Bauten fehlt ganz offensichtlich die spontane Zuordnung aller Teile zum Sacrum, so daß die manchmal ehrlich gesuchte kirchliche Würde eine leere Phrase bleibt.

c) Der Kirchenbauer trachtet darnach, aus einer Kompensation des Nichts heraus, sich selbst ein Denkmal der Einmaligkeit zu schaffen. Kirchenbauten werden so zu Exponenten einer hektischen Exzentrizität, bar jeder christlichen Bescheidenheit und Demut. Nirgends ist die künstlerische Originalität so fehl am Platz wie im katholischen Kirchenbau, da sie vom Urgründlichen ablenkt und eine ganz falsche Aussage macht.

Nachdem in einigen wenigen Worten auf grundsätzliche Fehlentwicklungen in der Kirchenarchitektur hingewiesen wurde, versuchen wir ein Grundlagenprogramm zu erkennen, welches die fundamentale Heilsnotwendigkeit des Kirchenbaues erkennen lässt und welches den Rahmen abgibt für Funktion und Form im katholischen Kirchenbau. Es handelt sich um Glaubenserfahrungen, die sich aus dem Leben in und mit der Kirche einstellen und deren Mangel durch keine bloß künstlerischen Fähigkeiten aufgewogen werden kann. Wir kommen zu folgenden Thesen:

a) Der katholische Kirchenraum ist der Ort, wo der Mensch dem lebendigen Gott begegnet. Das Ereignis der Erscheinung Gottes inmitten der Gläubigen bewirkt eine «selige Gemeinschaft». Der katholische Kirchenraum ist für den Gnaden suchenden Menschen die zentrale Stätte des Daseins und hat sich daher von allen profanen Räumen wesenhaft zu unterscheiden. Dadurch wird diese besondere Art der Architektur für das Epiphanie-Ereignis würdig und bedeutsam.
Es stehen uns hiefür bestimmte gestalterische Mittel zur Verfügung, wie zum Beispiel eine gut begründete Monumentalität, wobei jedoch alle bloß theatralischen Momente sorgsam vermieden werden müssen. Es gilt, trotz Kleinheit groß zu sein, ganz einfach durch das Mittel einer gebieterischen Komposition.
Die Symmetrie als ordnendes Leitmotiv steigert durch die Doppelung der Akzente die besondere Würde eines Sakralbaues. Das Sacrum als absolute Mitte muß von außen und innen ablesbar sein und sollte in seiner Zentralstellung durch alle umgebenden Bauteile hervorgehoben werden.

b) Im Kirchenraum ist etwas Übernatürliches, Unfaßbares, das eigentliche Aktivum. So müssen Einwirkungen aus dem Umraum durch die Architekturform gesteigert werden, sinngemäß dem Gotteswort: «Dein Wille geschehe!»
Wir setzen an Stelle der Wasserwaage und des Perpendikels einen dynamischen Formenapparat mit seinem charakteristischen Zug zur Diagonalität und begründen damit ein aggressives Gestaltungsprinzip mit dem ihm eigenen Ausbruch aus der Umklammerung jeder beharrlichen Regelmäßigkeit.
In der gleichen Richtung geht die visuelle Auflösung des Formenapparates nach oben, die Entmaterialisierung durch Licht und Schatten. In einer gotischen Grundhaltung dokumentiert sich erst recht die übersinnliche Gegenwart Gottes.
Die Dunkel-Hell-Kontraste zwischen Kirchenschiff und Kirchenchor sowie die richtige Lichtdosierung von der Raumbasis nach oben bringen den sakralen Binnenraum zum Schwingen, lassen ihn zu einem atmenden Körper werden .

c) Ja sagen zur Begegnung mit Gott bedeutet Preisgabe von allzu zweckgebundenem Streben, bedeutet Absage an übertriebenes Formulieren. In der katholischen Kirche hat das Höhere, das Undefinierbare und Unfaßliche, das Primat und überstrahlt alles Offensichtliche, alles Konkretisierende und vor allem alles Einschränkende.
Darum sollten wir jede zu individuelle Gestaltung vermeiden und von zwingenden Anordnungen Abstand nehmen. Wir streben nicht den allseitig festgelegten, abgegrenzten Raum an, wir schätzen vielmehr gutgesetzte Andeutung, den Zug ins Offene. Die vielfältig strukturierte menschliche Seele braucht genügend Spielraum um sich im Sakralraum enthalten zu können. Aus diesem Grunde sollte die Ausstattung im katholischen Kirchenraum nicht «laut» sein, da sie sonst geistige Kräfte des Gläubigen beansprucht die ihr nicht zustehen. Der gute Kirchenraum, Zeugnis vom Willen zur Askese, läßt die konstruktiven Formen sprechen, sie sind ihm Ausdruck genug für das, was durch gestalterische Mittel ausgesagt werden soll.
Die Sakralarchitektur soll nur da sein, sie soll sich nicht durch demonstrative Attribute aufdrängen! Absolutierende Grundformen in Grundriss und Aufbau sowie im dekorativen Ornament bescheiden sich zugunsten der realen Wichtigkeit. Sie bilden den erstrebenswerten neutralen Rahmen zum liturgischen Geschehen.

d) Die Begegnung mit Gott geschieht im Kult, welcher geordnet ist nach den Sakramenten und der in der Liturgie gefeiert wird.
Das Zentrum ist der Tod und die Auferstehung Christi, in der heiligen Messe immer wieder von neuem Ereignis werdend. Die Wirkung des katholischen Kirchenraumes auf Geist und Gemüt soll demnach die Kultbereitschaft des Gläubigen fördern.
Meditation und Andacht müssen durch die Umraumgestaltung gefördert werden. Daher ist jede optische Ablenkung vom Sacrum nachteilig. Unmittelbare Verbindungen zur profanen Aul3enwelt müssen ausgeschaltet werden. Der Kirchenraum ist eine introvertierte Architekturform!
Eine dem Raum natürlich verhaftete Weihe unterstützt ihrerseits die kultische Bereitschaft des Volkes. Sie resultiert aus einer frommen und ernsten Grundhaltung des Gestalters. Man sollte im Kirchenraum alle billigen Effekte vermeiden und muß ja sagen können zur kompromisslosen und starken Aussage der modernen Kunst.
Hohe Geräuschspiegel oder akustische Unausgewogenheiten im sakralen Binnenraum beeinträchtigen die Kultbereitschaft. Das Hörvermögen für die Wort-Epiphanie ist mindestens ebenso wichtig wie die Sichtbarkeit für die Mahl-Epiphanie. Es gilt also, einesteils merkbare Schranken zu legen zwischen die profane Betriebsamkeit und das kultische Schweigen und andererseits den engen Kontakt zu suchen zwischen dem Priester und dem gläubigen Volk innerhalb des Wortgottesdienstes.

e) Die katholische Kirche ist nicht nur Wort- und Opferkirche, sondern auch Anbetungskirche. Der Sakrairaum muß deshalb auch außerhalb der Eucharistiefeier zum Ausdruck bringen, daß der Herr hier wohnt. Die Anbetung des präsenten Gottes führt automatisch zum Kult hin. Die betrachtende Andacht und meditative Anbetung ist raumbestimmend. Es bedeutet dies, daß der gesamte Kirchenraum auch eine direkte Beziehung haben soll zum einzelnen Beter und nicht nur zur ganzen Gemeinde. Das Kirchenschiff wird demnach in einzelnen Bezirken eine betont menschliche Maßstäblichkeit behalten müssen, und zwar durch Einbau wechselvoller kleinräumlicher Beziehungen- dort nämlich, wo sich der einzelne Gläubige seiner Privatandacht in Geborgenheit hingeben will. Organisch an das Hauptschiff angegliederte Seitenschiffe und Nebenkapellen bieten hier schöne Lösungsmöglichkeiten.
Der Sakralraum muß den Alleingänger aus seiner Einsamkeit herausführen können und soll ihn zum Verweilen auffordern. Wir suchen die engste Affinität zum menschlichen Lebensgefühl vor allem im materialgerechten Bauen und in den Urformen der Konstruktion. Wir wollen verhindern, daß eine kalte und blutleere Architektur jede bethafte Erregung zum vornherein erfrieren läßt.
Besonders für die Privatandacht soll der Sakralraum erregend, aufwühlend wirken. Man muß den Geheimnissen einer beherrschten Lichtarchitektur auf die Spur kommen und darf nicht vergessen, daß die richtige Kanalisierung der Helligkeit und Kontrastierung derselben mit der Dämmerung keine Effekthascherei, sondern ein realer Versuch ist, die Kirchenarchitektur bethaft werden zu lassen.

Die Baukonstruktion

kirchenbau.jpgDie ganze sichtbare Baukonstruktion beruht auf dem dynamischen Grundprinzip der Durchdringung von zwei aufgefalteten Schalen: dreifach gefaltet beim Pfarrhaus-Chor-Werktagskapelle und einfach gefaltet beim Kirchenschiff. Die Schalen schweben gleichsam über den Grundmauern, was durch das Einziehen von parallel zum Dachpaket laufenden Glasflächen erreicht wurde. Diese Glasflächen sind zusätzlich die indirekten Belichtungsflächen für die dahinterliegenden Räume, insbesondere das Kirchenchor.
In sauberer Konsequenz zur konstruktiven Grundhaltung geht parallel dazu die Materialgebung:
Die sichtbaren Dachschalen sind homogen in schwarzem Eternit verkleidet; die entmaterialisierte Zone zwischen Dachpaket und Grundmauer ist mit aluminiumgefaßten Glasteilen durchgezogen; die Sockelwände stehen gleichsam frei im Raum und sind überall innen und außen in Sichtbeton gehalten. Diese Konzeption erreicht ihren sichtbarsten Höhepunkt bei den beiden Eingangssegeln links und rechts der Hauptfassade. Für die stützenfreie Dachkonstruktion mit den aufstrebenden Firstlinien sind vorfabrizierte und vorgespannte Betonträger errichtet worden, welche als Dreigelenkbogen auf unten sichtbaren schrägen Pfeilern aufgesattelt sind. Verleimte Längsketten gewährleisten die Diagonalstabilität. Sparrenlage, Schalung außen und innen sowie die Dachoberkonstruktion sindin Holzausgeführt.Da der Wunsch nach Materialechtheit und Materialeinheitlichkeit von Anbeginn bestand, mußten die Sichtbetonkonstruktionen für die aufsteigenden Wände im sogenannten Sandwich-System konstruiert werden, mit äußerer und innerersichtbarer Betonschale und dazwischengelegter Wärmeisolation. Die Bodenbeläge im Kirchenschiff sowie die Tragböcke für die Kirchenbänke und zudem die Altarsockel und der Untergrund des großen Kreuzes bei der Chorrückwand sind ebenfalls einheitlich in Beton und Zement erstellt. Es entsteht dadurch insbesondere im ganzen Kircheninnern ein einheitlicher und wohltuender Kontrast zwischen dem erdnahen Grau der Tragkonstruktion in Beton und dem warmen Rotbraun des Lärchentäfers an allen Decken. Als einziges Übergangsmaterial zwischen dem geschalten Beton und dem geschalten Holz liegt der rauhe Spritzputz an der Emporerückwand und in der Werktagskapelle, welcher mit Spezialkompressoren angeworfen wurde. Um dem ehrlichen Sichtbetonmaterial seine natürliche Lebendigkeit nicht zu nehmen, sind alle inneren Mauerteile mit einem durchsichtigen wischfesten Lack angestrichen worden.

Zürich, den 19. März 1962
Der Architekt: Dr. J. Dahinden

 

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